Ein paar Gedanken über die Heimat
Geboren und aufgewachsen bin ich in Kiew, in einer russischen Familie. Seit
2019 lebe ich in Deutschland. Die Frage nach meiner Heimat hätte ich in
unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich beantwortet. In meiner Kindheit
habe ich Heimat mit meinem Geburtsort Kiew identifiziert. Später bezog sich
Heimat für mich auch auf das Land, dessen Bürger ich war. In der Oberstufe
erlebte ich den Euromaidan. Dieser stellte nicht nur unterschiedliche
politische Zukunftsprojekte gegenüber, sondern löste auch einen kulturellen,
identitären Konflikt aus, dem keiner in der ukrainischen Gesellschaft mehr
fernbleiben konnte. Als viele im Land ihr nationales Bewusstsein erlangten und
sich von anderen abgrenzten, wuchs auch in mir das Bedürfnis nach Klarheit in
Sachen nationaler Identität. Mir war bald klar, dass ich mich nicht als
Ukrainer fühlte.
Was ist denn Heimat?
Lassen wir doch den Spruch, dass man sich die Heimat nicht auswählen kann, gut
sein. Die Heimat kann nur der Ort sein, an dem du dich zugehörig fühlst, nicht
der Ort, an dem Unglück hattest, geboren zu werden und der in dir Zeit deines
Lebens nur Verzweiflung und den Gedanken an die Flucht ausgelöst hat.
Stell dir vor: Ich, als Ungeborener, hatte absolut kein Mitspracherecht, als
meine Eltern beschlossen, mich in der Ukraine zur Welt zu bringen. Die
Konsequenzen? Die trage ich bis heute! Im patriotischen Unterricht mühten sich
unsere Lehrer redlich ab, uns von den Vorzügen der nationalen Einheit zu
überzeugen – mit mäßigem Erfolg, zumindest was mich betraf.
Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, die Mehrheit sollte in die
Minderheitskultur assimiliert werden. Das Ukrainische sollte gefördert werden,
auf Kosten des Russischen. Gemeinsamkeiten wurden vertuscht, Unterschiede auf
die schrillste Art und Weise hervorgehoben.
Ich musste feststellen, dass die meisten Ukrainer diese Entwicklung begrüßten,
obwohl sie weiterhin Russisch aus Gewohnheit und Bequemlichkeit sprachen.
Ein Teil der ukrainischen Gesellschaft bastelte sich aus einem vielleicht
erfundenen Gründungsmythos und mittels zweitrangiger Dichter,
Philosophen und Kriege eine nationale Identität zusammen, um ein
Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Nach dem zu urteilen, was mir bekannt ist,
und was andere Zeitgenossen mit mir geteilt haben, ist dieses soziale
Experiment gelungen, wozu die Kriegshandlungen seit 2022 maßgeblich
beigetragen haben.
So sehr ich mich auch von der Ukraine distanzieren mag, so prägend waren doch
die ersten 20 Jahre meines Lebens in diesem Land. von den gesellschaftlichen
Phänomenen berichten, die ich dort in dieser Zeitspanne erlebt habe.
Einstellung zur mentalen Gesundheit
Zu meiner Zeit war es in der Ukraine so, dass man sofort als
hoffnungsloser Fall galt, wenn man zu erwähnen wagte, dass
man therapeutische Hilfe in Anspruch nahm.
Die Reaktionen reichten von mitleidigen Blicken ("Oh
je, der Arme!") bis hin zu panischer
Flucht. Manche machten sogar einen Schritt
zurück, als hätten sie Angst, der Patient
könnte plötzlich mit Schaum vor dem
Mund auf sie losgehen.
Über den Besuch eines Psychiaters sprach man natürlich
erst recht nicht. Das hätte ja eine
Massenhysterie ausgelöst! Denn wer
psychiatrische Hilfe brauchte, der musste
ja geisteskrank sein, gehörte eingesperrt
und mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt! Frei
herumlaufen? Undenkbar! Gefährdung der Öffentlichkeit!
Wie reagierten die Leute, wenn ich über ADHS sprach? Erst
neugierig ("Was ist denn das?"), dann skeptisch
("Ach, das bildest du dir nur ein!")
und schließlich abwertend ("Reiß dich doch
einfach zusammen!"). Wenn man sich
größtenteils unauffällig verhielt, war man
natürlich mit solchen Äußerungen über sich selbst nur auf
der Suche nach Aufmerksamkeit. War man
hingegen etwas chaotisch, vergesslich und
geistesabwesend, dann war man einfach nur
Faulpelz und Tunichtgut. Dieser ständige Druck
führte bei mir zu Zwangsgedanken und
löste unzählige Schuld- und
Minderwertigkeitsgefühle aus, denn ich konnte
mich einfach nicht zusammenreißen, zumindest
nicht dauerhaft.
Die meisten Medikamente mit psychoaktiver
Wirkung wurden als Teufelszeug abgetan.
Die gängigsten ADHS-Medikamente waren nur
auf dem Schwarzmarkt als Drogen
erhältlich. Wobei man sich da natürlich
fragte, ob die "armen ADHSler" nicht
einfach nur auf einen billigen Rausch
aus waren. Ständig wurde mir die
naive Frage gestellt: "Warum kannst du
nicht ohne?", als ginge es um eine
Frage des Könnens und nicht um eine
medizinische Notwendigkeit. Wahrscheinlich wollte ich
einfach nur nicht auf meine tägliche
Dosis "Glückspillen" verzichten.
In manchen Gegenden der GUS-Staaten wird ADHS immer noch schlichtweg
geleugnet. Man tut so, als gäbe es
diese Störung nur in dekadenten westlichen
Ländern, wo die Bälger zu viel Bildschirmzeit
und zu wenig Prügel bekommen. Anstatt
die neurobiologischen Ursachen von ADHS zu
verstehen, wird das Verhalten von
betroffenen Kindern oft auf mangelnde
Disziplin und schlechte Erziehung geschoben.
Vor Stimulanzien wie Ritalin, die zur
Behandlung von ADHS eingesetzt werden, hat
man panische Angst. Man befürchtet, dass
diese Medikamente die Kinder in kleine
Zombies verwandeln. Psychotherapie hingegen wird als bloßes
Gerede abgetan.
"Willst du diese Medikamente dein ganzes Leben einnehmen?" – diese Frage wurde
meistens mit einem Gesichtsausdruck voller Mitleid und Besorgnis gestellt, als
könnte ein solches Leben nur zweitrangig sein.
Über psychische Probleme spricht man in
der Öffentlichkeit und innerhalb der
Familie natürlich nicht. Betroffene versuchen,
ihre "Schwäche" zu verbergen, aus Angst,
als Versager oder Spinner abgestempelt zu
werden.
Viele Menschen glauben, dass psychische
Erkrankungen durch Charakterschwäche, Faulheit
oder Besessenheit verursacht werden. Sie
erkennen die Symptome psychischer Erkrankungen
nicht und reagieren mit Unverständnis oder
Ablehnung.
Vertrauensmangel und die Sehnsucht nach Sicherheit
Homo homini lupus
Die Ukrainer sind geradezu besessen davon, sich abzuschotten – aus Gründen der
Privatsphäre und Sicherheit.
Zahlreiche Hausbesitzer umschließen ihre Grundstücke mit hohen Ziegel- oder
Betonmauern, um Eindringlinge und unerwünschte Blicke abzuwehren. Manche
dieser massiven Betonmauern wirken wie die undurchdringlichen Wälle einer
geheimen Militäranlage, komplett mit Überwachungskameras. Doch dahinter
verbirgt sich lediglich ein Einfamilienhaus der Mittelschicht.
Nach über 70 Jahren Sozialismus ohne Privateigentum wollen die Menschen
endlich ihr eigenes Grundstück genießen und sich dort sicher fühlen. Daher
bauen sie so massive Zäune.
Die Bewohner von Wohnungen im Erdgeschoss bringen dicke Gitter an ihren
Fenstern an, um Einbrecher abzuschrecken.
Und dann sind da noch die doppelten Eingangstüren: Die erste Tür ist in der
Regel eine massive Metalltür mit mehreren schweren Schlössern. Dahinter
befindet sich die zweite (nicht ganz so stabil wie die erste) mit zwei
weiteren Schlössern. Insgesamt 4-5 verschiedene Schlüssel für die
Wohnungstüren zu haben, ist also völlig normal.
Der russische Wirtschaftswissenschaftler Alexander Auzan hat eine neue,
ungewöhnliche Methode zur Messung von Sozialkapital erfunden: Er misst die
Höhe der Zäune. Es stellt sich heraus, dass die Größe der Zäune umgekehrt
proportional zum Grad des Vertrauens der Menschen zueinander ist: Je geringer
das Vertrauen, desto höher die Zäune.
Die Menschen erwarten nichts Gutes von ihren Landsleuten. Der erste Instinkt
ist, auf der Hut zu sein und von Fremden feindselige Absichten zu erwarten.
Man nennt das "nicht naiv sein".
Wenn man über Finanzinvestitionen spricht, werden viele Menschen misstrauisch,
denn sie erinnern sich an die lange Geschichte der Finanzpyramiden, die nach
dem Zusammenbruch der Sowjetunion auftauchten und sich als solide
Finanzinvestitionen anpriesen, die viele Durchschnittsbürger kritiklos
akzeptierten, da Finanzwissen in der Sowjetunion nicht nötig war.
Wenn Menschen einander nicht vertrauen, sind sie weniger bereit, in
Unternehmen, Projekte oder sogar ineinander zu investieren. Dies kann zu einem
Rückgang der Investitionen und damit zu einem langsameren Wirtschaftswachstum
führen.
Misstrauen führt zu höheren Transaktionskosten. Menschen und Unternehmen
müssen mehr Zeit und Geld aufwenden, um Verträge auszuhandeln, Vereinbarungen
zu überwachen und Streitigkeiten beizulegen. Dies hemmt im erheblichen Maße
die wirtschaftliche Aktivität.
Innovation erfordert Zusammenarbeit und Risikobereitschaft. In einer
Gesellschaft, die von Misstrauen geprägt ist, sind nur wenige Menschen bereit,
zusammenzuarbeiten oder Risiken einzugehen. Die Folge: weniger Innovation und
ein Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit.
Wenn Menschen den Institutionen und ihren Mitbürgern als nicht
vertrauenswürdig ansehen, greifen Korruption und Vetternwirtschaft um sich.
Ressourcen werden nicht mehr effizient verteilt, was sich negativ auf die
Wirtschaft des Landes auswirkt.
Diplom-Fetisch
Einen Mark Zuckerberg, der sein Studium in der Ukraine abgebrochen hätte? Den
hätte man eingezogen, ihm jeden Gedanken an Facebook ausgetrieben und ihn mit
selbstloser Heimatsliebe und glühendem Hass auf den Feind gefüttert. So wäre
aus ihm ein richtiger Soldat geworden, der als echter Mann und Patriot im
Krieg fällt – damit sich seine ungeborenen Kinder in Frieden und Freiheit auch
für ihr Land opfern können.
Wenn man doch nicht den Weg des ukrainischen Mark Zuckerbergs gehen möchte,
muss man an einer Uni einschreiben lassen und als Student Befreiung vom
Militärdienst bekommen, wie in guten alten Zeiten der Sowjetunion. Diese
Weisheit habe ich noch von meinem Vater gelernt, der möglichst lange an der
Uni blieb, weil Afghanistan nicht gerade sein beliebteste Reiseziel war.
Es ist viel wichtiger, wie etwas anderen erscheint, als wie es tatsächlich
ist. Aus diesem Grund ist auch das Unistudium sehr beliebt. Der Besitz eines
Bachelor-Abschlusses wird viel höher bewertet als die tatsächliche Kompetenz,
denn der Abschluss ist etwas Konkretes, Nachweisbares, während Kompetenz
schwer zu messen ist.
Ich studierte Philosophie: Ein Studiengang, der seine Absolventen dazu
befähigt, stundenlang über den Sinn des Lebens zu philosophieren, während der
Kühlschrank leer ist... Die lange Suche nach
der Wahrheit führt sie dann über
kurz oder lang zu der Erkenntnis,
dass das physische Überleben die wahre
Bestimmung des Menschen auf Erden ist.
Und so nehmen sie schließlich doch
einen Job bei McDonald's an. Das Einzige, wovon ein
solches "Diplom" zeugen könnte, ist von meiner eigenen Dummheit, dachte ich
mir.
Als mir dies einleuchtete, wollte ich mir die lange Suche und Mühe ersparen.
"Es ist aber ein Diplom! Aber natürlich! Ein Diplom!
Ohne dieses magische Stück Papier ist
man ja praktisch vogelfrei!"
Wie wäre es mit der echten Kompetenz?
Es ist aber ein Diplom! Was willst du ohne höhere Bildung im Leben
machen?
Wie wäre es mit der echten Kompetenz?
So wie ich und meine Kommilitonen bisher studiert haben, könnte von der
Erlangung jeglicher arbeitsmarktrelevanter (oder anders gearteter) Kompetenz
keine Rede sein. Anscheinend war das Diplom auch dann ein Trumpf, wenn
jegliche Kompetenz fehlte. Man könnte sogar meinen, es wäre ein Ersatz dafür.
Man könnte später durch einen guten Bekannten erfahren, dass irgendwo bei
irgendeiner obskuren staatlichen Institution eine Stelle ausgeschrieben
wird. Voraussetzung für die Einstellung: Ein Diplom. Eine reine Formsache, die
Vergütung allerdings auch.
In der Ukraine, wie in den anderen GUS-Staaten auch, genießt jegliche
akademische Grad ein hohes Ansehen. Häufig wird ihm sogar
ein höherer Stellenwert beigemessen als
dem Wissen, Können und der Erfahrung.
In der Sowjetunion war ein
Hochschulabschluss der Schlüssel zu sozialem
Aufstieg und einer sicheren Karriere.
Diese Denkweise hat sich in vielen
Teilen der GUS erhalten.
"Ohne Diplom kannst du nichts werden" - das ist die fragwürdige
Denkweise, die in den Weiten der GUS
blüht und gedeiht. In der sowjetischen
Planwirtschaft zählte vor allem der
formale Abschluss. Individuelle Fähigkeiten und
Initiative waren weniger wichtig, da
Arbeitsplätze zentral vergeben wurden.
Diese Mentalität führt natürlich zu einer
blühenden Korruption im Bildungssystem. Wozu
sich anstrengen und lernen, wenn man
den Abschluss auch einfach kaufen kann?
Kompetenz ist sowieso überbewertet.
Wertevakuum
Nach dem Zerfall der Sowjetunion haben die typischen Tugenden des
Sowjetmenschen an Bedeutung verloren, obwohl sie in den Köpfen der
Menschen teilweise weiterleben. Dieses Wertevakuum war
fruchtbarer Boden für Einflüsse aus dem
Westen, die vor allem durch die
Medien in die postsowjetische Gesellschaft
eindrangen: Kapitalismus, Individualismus, freie
Meinungsäußerung. Hätte man diese Werte
als Grundlage für die Gesellschaft
genommen, hätte man beneidenswerte Ergebnisse
erzielen können.
Doch die Realität sah anders aus. Es herrschte bereits
eine gewisse nationale Mentalität, die den
westlichen Werten eine neue Leseart gab:
Kapitalismus wurde zu Staatskapitalismus mit
Nepotismus. Vom Individualismus war schnell
keine Rede mehr, als 2004 während
der Orangen Revolution die Massen
"Zusammen sind wir viele! Wir lassen
uns nicht besiegen!" skandierten. Da war
für Individualisten kein Platz mehr.
Tragik der Allmende
Der bekannte ukrainische Spruch "Mein Haus ist am Rande, mehr will ich nicht
wissen" – zeigt sich auch in der verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber dem
öffentlichen Raum. Solange die eigene Wohnung in Ordnung ist, kümmert es viele
nicht, wie es im Treppenhaus oder auf der Straße aussieht. Eine
interessante Beobachtung könnte man in den
großstädtischen Wohnsiedlungen machen. Die
Fassaden der Wohnhäuser sind mit Rissen
und Flecken übersät, die Fenster sind
oftmals undicht, und in den Treppenhäusern
blättern Putz und Farbe von den
Wänden. Doch tritt man eine Wohnungstür,
findet man sich oft in einer anderen
Welt wieder: Hier herrschen Sauberkeit und
Ordnung, die Möbel sind gepflegt, und
an den Wänden hängen Bilder und
Fotos. Es klafft eine gähnende Kluft
zwischen dem Öffentlichen und dem
Privaten. Während die öffentlichen Spielplätze
verfallen, werden die privaten Balkone mit
Blumenkästen geschmückt. Während im Treppenhaus
der Putz bröckelt, werden die Wohnungen
mit teuren Tapeten renoviert.
Diese Kluft zwischen öffentlich und privat
hat vielfältige Ursachen. Zum einen liegt
es an der langen Tradition des
kollektiven Eigentums in der Sowjetunion,
die dazu führte, dass sich niemand
wirklich für das öffentliche Eigentum
verantwortlich fühlte. Zum anderen spielt
die wirtschaftliche Unsicherheit eine Rolle:
Viele Menschen konzentrieren sich darauf,
ihr eigenes Nest zu sichern, weil
sie nicht wissen, was die Zukunft
bringt. Diese Vernachlässigung des öffentlichen
Raums trägt zu einer allgemeinen Verrohung
der Gesellschaft bei. Es fehlt an
Gemeinschaftssinn und sozialer Verantwortung.
Übergriffiger Staat
Die Ukraine hat dir alles gegeben", hörte man mitunter die ernste Stimme einer
Person im Staatsdienst sagen. Meistens war es ein Lehrer, ein Dozent oder ein
Beamte. Gedanklich antwortete ich auf solche Äußerungen, dass ich die Gaben
nicht angefragt habe und deren Entgegennahme gern verweigert hätte, hätte ich
eine Wahl gehabt.
Man sagte mir, ich schulde dem Staat meine Existenz und müsse diese Schuld
begleichen. So einfach rechtfertigte man den Anspruch auf das Leben eines
Menschen – im Namen des Staates.
Als Mann muss man die Staatsgrenzen verteidigen, als Frau neue Bürger zur Welt
bringen, um die Staatsbevölkerung zu erhalten oder zu vergrößern. Ein
Widerhall der stalinistischen Ideologie, die genauso Menschen als Mittel zum
Zweck sah. Stalin lässt grüßen! Nur dass jetzt nicht mehr die kommunistische
Ideologie, sondern die ukrainische Nation verherrlicht wird.
Die Ukraine hat versucht, mir mit aller Macht ihre halbgegorene,
staatsverherrlichende Ideologie einzuimpfen, um in mir den Nationalstolz eines
echten Ukrainers zu wecken. Doch diese Indoktrination stieß bei mir auf
Ablehnung. Den anderen hat der Kost
augenscheinlich gut geschmeckt, und sie
lechzten seitdem nach mehr.
“Es wird schon gut gehen”-Menalität bzw. Fatalismus
Man lebt in den Tag hinein, genießt das Leben, so gut es geht, und hofft, dass
alles gut wird. Was bringt es, langfristig zu planen, wenn morgen alles anders
sein kann? In der Ukraine ist Fatalismus ein weit verbreitetes Phänomen. Das
ist durchaus verständlich in einer Gesellschaft, in der lange Zeit das Leben
des Individuums nicht von ihm selbst, sondern von äußeren Kräften bestimmt
wurde, wie etwa dem Staat.
"Ach, was soll schon passieren?", denkt sich mancher und verzichtet auf
Vorsorgeuntersuchungen und die Möglichkeit frühzeitiger Behandlungen. Man
hofft, dass die Krankheit von selbst verschwindet, und spart sich die Kosten
und den Aufwand eines Arztbesuchs in einer Privatklinik. Denn der Besuch einer
staatlichen medizinischen Einrichtung wäre sowieso Zeitverschwendung.
Der Glaubenssatz "Wird schon irgendwie gehen" hält Menschen davon ab, für
unvorhergesehene Ereignisse vorzusorgen. Man lebt in den Tag hinein und
vertraut darauf, dass im Notfall Familie, Freunde oder der liebe Gott im
Himmel (für diejenigen, die noch an ihn glauben) einem unter die Arme greifen.
Das wenige Geld aus dem Gehaltscheck, das schnell an Wert verliert, wird
lieber für kurzfristigen Genuss ausgegeben, anstatt Altersvorsorge zu
betreiben. Die Vorstellung, dass man im Alter durch Rücklagen und
Investitionen wohlhabend werden kann, erscheint vielen
unrealistisch. Denn wer verdient schon so
viel, um Rücklagen zu bilden? Was
passiert, wenn man alt, gebrechlich und
arbeitsunfähig wird? Wird sich schon
finden. Vielleicht helfen die Kinder.
Vielleicht...
Sicherheitsstandards? Ach was! "Wird schon passen" – diese laxe Einstellung
zur Sicherheit zeigt sich im Straßenverkehr (riskantes Fahrverhalten,
Ignorieren von Verkehrsregeln), am Arbeitsplatz (mangelnde
Sicherheitsvorkehrungen) und im Privatleben (unzureichende Sicherung von Haus
und Hof). Wenn es zu Unfällen und Verletzungen kommt, dann hat man einfach
Pech gehabt. Wer konnte das schon wissen?
Im Großen und Ganzen führt die "Es wird schon gut gehen"-Mentalität dazu, dass
Menschen unverantwortlich und leichtsinnig handeln. Sie nehmen unnötige
Risiken in Kauf, vernachlässigen ihre Gesundheit und ihre finanziellen
Angelegenheiten und agieren aufs Geratewohl
Wahrnehmung von Drogenbhänigkeit und Drogen
Es ist schlimm genug, drogenabhängig zu sein. Wenn dich aber dieses Schicksal
in der Ukraine ereilt, ist es noch um viele Größenordnungen schlimmer.
Drogenabhängige werden von der breiten Bevölkerung als Kriminelle, Versager
oder moralisch Verkommene angesehen – von der Politik und der breiten
Bevölkerung. Man begegnet ihnen mit Verachtung, Angst und Ablehnung.
Viele Menschen denken, dass Drogenabhängige
selbst schuld an ihrem Schicksal sind
und keine Hilfe verdienen haben.
Lösungsansatz: Man soll sie verrecken lassen.
Die weit verbreitete Meinung ist, dass Drogenabhängige selbst an ihrer Sucht
Schuld tragen, nicht zuletzt aufgrund ihrer Charakterschwäche und
Willenlosigkeit. "Hätten sie doch einfach die Finger von den Drogen gelassen!
Ich nehme doch keine Drogen.” Es herrscht die Angst,
dass Drogenabhängige zu Kriminalität neigen
und vor nichts zurückschrecken würden, um
die nächste Dosis zu finanzieren. Anstatt
Hilfe und Unterstützung anzubieten, fordert
man oft, dass Drogenabhängige eingesperrt
gehören. Viele Menschen glauben, dass
Drogenabhängigkeit eine unheilbare Krankheit ist
und dass es sinnlos, ja sogar eine
Verschwendung von Steuergeldern wäre, ihnen
zu helfen.
Nicht nur harte Drogen, sondern auch
Cannabis und Zauberpilze werden in der
ukrainischen Gesellschaft oft mit Misstrauen
und Angst betrachtet. Man hält sie
für gefährliche Substanzen, die über kurz oder lang
in die Sucht führen. Viele Menschen
verbinden Cannabis und Zauberpilze mit
Kriminalität, moralischem Verfall und
psychischen Störungen, die bleibende Schäden
verursachen können. Sie sehen diese
Substanzen als Einstiegsdrogen und glauben,
dass ihr Konsum unweigerlich zu härteren
Drogen und Sucht führt.
Auswanderung
Wenn in der Ukraine das Thema
"Auswanderung" aufkommt, werden oft tief
sitzende Minderwertigkeitskomplexe sichtbar.
Als Kind und Heranwachsender bekam ich
oft folgende Sprüche zu hören:
Unsere Landsleute haben im Ausland einen schlechten Ruf und werden automatisch
benachteiligt.
Wer im Westen nicht zur Mehrheitsbevölkerung gehört, hat verloren. Sie werden
dich nicht aufnehmen und immer als Fremden betrachten.
Man überträgt die eigenen Ängste und
Unsicherheiten auf das "Fremde" und
konstruiert ein Bild des Auslands als
feindseliger und diskriminierender Ort.
"Niemand braucht dich dort!" Dieser Spruch
und die unausgesprochene Annahme, dass die
menschliche Existenz durch ihren Nutzen
für andere gerechtfertigt ist, spiegeln
ein kollektivistisches Denken wider, das
den Einzelnen dem Kollektiv unterordnet.
Individuelle Bedürfnisse und Wünsche werden
abgewertet, und der Wert eines Menschen
wird an seinem Beitrag zur Gemeinschaft
gemessen.
Ich brauchte keine finanzielle Unterstützung,
keine Befürwortung, keine Sympathie, nur
die Möglichkeit, mein Leben nach meinen
Vorstellungen zu gestalten und unabhängig
zu sein. Es war, als wäre die
menschliche Existenz erst durch ihren
Nutzen für andere gerechtfertigt.
Oft konnte ich aus der Stimmlage
meines Gegenübers die Ungläubigkeit heraushören,
dass man eine Fremdsprache "perfekt"
erlernen und sich völlig an die
ausländischen Denk- und Lebensweisen anpassen
kann. "Sie sind doch ganz anders als
wir, diese Amerikaner/Deutsche/Franzosen." Nach
dem wiederholten Hören derselben Floskeln
war ich verwirrt und entgeistert. "Ich
bin nicht 'wir'!", wollte ich in
diesem Augenblick laut losschreien. "Ich
bin ich, ganz allein, ganz unabhängig,
ganz individuell!"
Was konnte ich diesen Vorurteilen
entgegensetzen? Filme und Bücher halfen
mir, die Welt aus einer anderen
Perspektive zu sehen. Ich setzte mich
intensiv mit der westlichen Kultur und
Weltanschauung auseinander und war spätestens
mit 16 Jahren gegen alle Einwände
gewappnet, denn ich hatte meine eigene
Meinung gebildet. Ich dachte an Ayn Rand, die erst mit
20 anfing, Englisch zu lernen. Als
sie nach New York kam, konnte sie
nicht einmal nach dem Weg fragen.
Das hinderte sie jedoch nicht daran,
einige Zeit später meisterhafte Prosa auf
Englisch zu schreiben und zu einer
der bekanntesten amerikanischen Schriftstellerinnen
zu werden.
Sprachpolitik
Ukrainisch ist doch die Staatssprache", verkündete man oft wie eine
Selbstverständlichkeit auf Russisch, ohne Widerspruch. Der Begriff
"Staatssprache" ist in der Ukraine ein Axiom. Man kann ihn als Argument in
jeder Diskussion über die Sprachpolitik einbringen und den Gegner mundtot
machen. Denn Kritik an der Staatssprache gleicht Staatsfeindlichkeit, ja sogar
Staatsverrat.
"Das ist nicht in Ordnung, wenn du in der Ukraine lebst und kein Ukrainisch
kannst", hörte man ab und zu jemanden entrüstet sagen. Die Tatsache, dass
jemand Staatsbürger war, aber die Landessprache nicht beherrschte, löste bei
manchen Menschen kognitive Dissonanz aus. Das gehörte sich einfach nicht! Eine
Ungeheuerlichkeit ohnegleichen!
Erst in der Grundschule wurde mir bewusst, dass Ukrainisch eine eigene Sprache
ist. Es war die Sprache aus dem Lehrbuch, mit den überdeutlich artikulierten
Lauten, die unsere Ukrainischlehrerin im Unterricht sprach. In den Pausen
sprach sie dann wieder Russisch, wie alle anderen auch.
Wer in der Ukraine leben will, muss Ukrainisch lernen. Andersdenkende wurden
mit den Worten "Koffer, Bahnhof, Russland" zum Verlassen des Landes
aufgefordert. Dass manche Menschen mehr Besitztümer hatten, als in einen
Koffer passten, war ihr Problem.
Die 2014 an die Macht gekommenen Politiker versicherten zwar, dass jeder in
der Ukraine bleiben könne, solange er sich an die Regeln halte. Doch sie
behielten sich vor, die Regeln jederzeit zu ändern. Es müssen für alle die
gleichen Regeln gelten, hieß es. Schließlich seien wir ein vereinigtes Volk.
Manche Menschen im Osten und Süden des Landes entschieden sich, die Ukraine zu
verlassen. Eigentlich hätte man sich im Guten trennen können, wäre da nicht
die Frage der Immobilien gewesen. Da die Abtrünnigen ihre Immobilien nicht
mitnehmen konnten, nahmen sie eben das Land, auf dem ihre Häuser standen,
gleich mit. Diese radikale Entscheidung sorgte natürlich für Empörung.
Besonders geistreich war das Argument: "In Frankreich spricht doch auch jeder
Französisch!" – ein beliebter Einwand in Diskussionen über die Sprachpolitik.
Die Mehrheit der Bevölkerung lehnte die Einführung des Russischen als zweite
Sprache ab. Das würde das Ukrainische gefährden, hieß es. Außerdem sei es
moralisch richtig, Ukrainisch zu sprechen, schließlich heiße das Land Ukraine.
Wenn Russisch zur zweiten Sprache würde, würden alle nur noch Russisch
sprechen. Was passiert dann mit dem Ukrainischen? Der Staat müsse das
Überleben des Ukrainischen sichern, hieß es. Dass man dazu die Menschen
zwingen müsste, Ukrainisch zu sprechen, wurde gerne verschwiegen.
Dabei vergisst man gerne, dass es in Frankreich keine Millionenstädte gibt, in
denen Englisch oder Deutsch gesprochen wird.
Geschichtsklitterung
Geschichtsklitterung wird in der Ukraine nicht nur von staatlicher Seite
betrieben, sondern ist auch in der Gesellschaft weit verbreitet. Viele
Menschen suchen nach einer positiven nationalen Identität und greifen dabei
auf vereinfachte oder verzerrte Geschichtsbilder zurück.Die Geschichte der
Ukraine wird oft verklärt und als ein kontinuierlicher Kampf für
Unabhängigkeit und Freiheit dargestellt. die Beteiligung von Ukrainern am
Holocaust oder die Unterdrückung von Minderheiten, ausgeblendet oder
relativiert. So wird die Rolle ukrainischer Milizen bei den Massakern an Juden
während des Zweiten Weltkriegs oft verharmlost oder gar geleugnet. Diese
selektive Erinnerungskultur verhindert eine ehrliche Auseinandersetzung mit
der Vergangenheit und erschwert die Aufarbeitung von Schuld. Sie trägt zu
einer Spaltung der Gesellschaft entlang ethnischer und sprachlicher Linien bei
und behindert die Aussöhnung mit den Nachbarn.
Schluss
Man ist an seine Kultur, Religion, Muttersprache oder Land nicht
gefesselt. Es steht jedem frei, sich neu zu erfinden und Teil einer
Gemeinschaft zu werden, die besser zu seinen Wertvorstellungen als das
jeweilige Herkunftsland passt, sprich, sich selbst zu assimilieren.
Ich habe mich immer nach Freiheit und Selbstbestimmung gesehnt, nach einem
Ort, an dem ich meine eigenen Werte leben kann. Diesen Ort habe ich in
Deutschland gefunden.
Ich würde mein Leben in der Ukraine gern in eine Schublade von schlimmen
Albträumen verbannen, den Schweiß vom Gesicht wischen und keinen Gedanken mehr
daran verschwenden. Allerdings bin ich immer noch Bürger dieses Landes, und
der Albtraum will einfach nicht enden: Ich fühle mich manchmal wie ein
Leibeigener, der vor seinem Herrn flieht und sich nach Freiheit sehnt.
Gewissensbisse habe ich dabei nicht, denn Leibeigenschaft sollte weltweit
abgeschafft sein, auch da, wo sie als Wehrpflicht verkauft wird.
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