Ein paar Gedanken über die Heimat



Ein paar Gedanken über die Heimat 


Geboren und aufgewachsen bin ich in Kiew, in einer russischen Familie. Seit 2019 lebe ich in Deutschland. Die Frage nach meiner Heimat hätte ich in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich beantwortet. In meiner Kindheit habe ich Heimat mit meinem Geburtsort Kiew identifiziert. Später bezog sich Heimat für mich auch auf das Land, dessen Bürger ich war. In der Oberstufe erlebte ich den Euromaidan. Dieser stellte nicht nur unterschiedliche politische Zukunftsprojekte gegenüber, sondern löste auch einen kulturellen, identitären Konflikt aus, dem keiner in der ukrainischen Gesellschaft mehr fernbleiben konnte. Als viele im Land ihr nationales Bewusstsein erlangten und sich von anderen abgrenzten, wuchs auch in mir das Bedürfnis nach Klarheit in Sachen nationaler Identität. Mir war bald klar, dass ich mich nicht als Ukrainer fühlte.

Was ist denn Heimat?

Lassen wir doch den Spruch, dass man sich die Heimat nicht auswählen kann, gut sein. Die Heimat kann nur der Ort sein, an dem du dich zugehörig fühlst, nicht der Ort, an dem Unglück hattest, geboren zu werden und der in dir Zeit deines Lebens nur Verzweiflung und den Gedanken an die Flucht ausgelöst hat. 

Stell dir vor: Ich, als Ungeborener, hatte absolut kein Mitspracherecht, als meine Eltern beschlossen, mich in der Ukraine zur Welt zu bringen. Die Konsequenzen? Die trage ich bis heute! Im patriotischen Unterricht mühten sich unsere Lehrer redlich ab, uns von den Vorzügen der nationalen Einheit zu überzeugen – mit mäßigem Erfolg, zumindest was mich betraf.
Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, die Mehrheit sollte in die Minderheitskultur assimiliert werden. Das Ukrainische sollte gefördert werden, auf Kosten des Russischen. Gemeinsamkeiten wurden vertuscht, Unterschiede auf die schrillste Art und Weise hervorgehoben.
Ich musste feststellen, dass die meisten Ukrainer diese Entwicklung begrüßten, obwohl sie weiterhin Russisch aus Gewohnheit und Bequemlichkeit sprachen.
Ein Teil der ukrainischen Gesellschaft bastelte sich aus einem vielleicht erfundenen Gründungsmythos und  mittels zweitrangiger Dichter, Philosophen und Kriege eine nationale Identität zusammen, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Nach dem zu urteilen, was mir bekannt ist, und was andere Zeitgenossen mit mir geteilt haben, ist dieses soziale Experiment gelungen, wozu die Kriegshandlungen seit 2022 maßgeblich beigetragen haben.
So sehr ich mich auch von der Ukraine distanzieren mag, so prägend waren doch die ersten 20 Jahre meines Lebens in diesem Land. von den gesellschaftlichen Phänomenen berichten, die ich dort in dieser Zeitspanne erlebt habe.

Einstellung zur mentalen Gesundheit 

Zu meiner Zeit war es in der Ukraine so, dass man  sofort  als  hoffnungsloser Fall galt, wenn man  zu erwähnen wagte,  dass man  therapeutische  Hilfe  in  Anspruch  nahm.  Die  Reaktionen  reichten von  mitleidigen Blicken  ("Oh je, der Arme!")  bis  hin  zu  panischer  Flucht.  Manche  machten  sogar  einen  Schritt  zurück,  als  hätten  sie  Angst,  der Patient  könnte  plötzlich  mit  Schaum  vor  dem  Mund  auf  sie  losgehen.

Über den Besuch eines Psychiaters  sprach man  natürlich  erst  recht  nicht.  Das  hätte  ja  eine  Massenhysterie  ausgelöst!  Denn  wer  psychiatrische  Hilfe  brauchte,  der  musste  ja  geisteskrank  sein,  gehörte  eingesperrt  und  mit  Beruhigungsmitteln  vollgepumpt!  Frei  herumlaufen?  Undenkbar!  Gefährdung der Öffentlichkeit!

Wie reagierten die Leute, wenn ich über ADHS sprach?  Erst  neugierig  ("Was ist denn das?"),  dann  skeptisch  ("Ach,  das  bildest  du  dir  nur  ein!")  und  schließlich  abwertend  ("Reiß  dich  doch  einfach  zusammen!").  Wenn  man  sich  größtenteils  unauffällig  verhielt,  war  man  natürlich mit solchen Äußerungen über sich selbst nur  auf  der  Suche  nach  Aufmerksamkeit.  War  man  hingegen  etwas  chaotisch,  vergesslich  und  geistesabwesend,  dann  war  man  einfach  nur  Faulpelz und Tunichtgut.  Dieser  ständige  Druck  führte  bei  mir  zu  Zwangsgedanken  und  löste  unzählige  Schuld-  und  Minderwertigkeitsgefühle  aus,  denn  ich  konnte  mich  einfach  nicht  zusammenreißen,  zumindest  nicht  dauerhaft.  

Die meisten  Medikamente  mit  psychoaktiver  Wirkung  wurden  als  Teufelszeug  abgetan.  Die  gängigsten  ADHS-Medikamente  waren  nur  auf  dem  Schwarzmarkt  als  Drogen  erhältlich.  Wobei  man  sich  da  natürlich  fragte,  ob  die  "armen  ADHSler"  nicht  einfach  nur  auf  einen  billigen  Rausch  aus  waren.  Ständig  wurde  mir  die  naive  Frage  gestellt:  "Warum  kannst  du  nicht  ohne?",  als  ginge  es  um  eine  Frage  des  Könnens  und  nicht  um  eine  medizinische  Notwendigkeit. Wahrscheinlich  wollte  ich  einfach  nur  nicht  auf  meine  tägliche  Dosis  "Glückspillen"  verzichten.
In manchen Gegenden der GUS-Staaten wird ADHS immer noch schlichtweg geleugnet.  Man  tut  so,  als  gäbe  es  diese  Störung  nur  in  dekadenten  westlichen  Ländern,  wo  die  Bälger zu  viel Bildschirmzeit  und  zu  wenig  Prügel  bekommen.  Anstatt  die  neurobiologischen  Ursachen  von  ADHS  zu  verstehen,  wird  das  Verhalten  von  betroffenen  Kindern  oft  auf  mangelnde  Disziplin  und  schlechte  Erziehung  geschoben.  Vor  Stimulanzien  wie  Ritalin,  die  zur  Behandlung  von  ADHS  eingesetzt  werden,  hat  man  panische  Angst.  Man  befürchtet,  dass  diese  Medikamente  die  Kinder  in  kleine  Zombies  verwandeln.   Psychotherapie hingegen wird als bloßes Gerede abgetan.
"Willst du diese Medikamente dein ganzes Leben einnehmen?" – diese Frage wurde meistens mit einem Gesichtsausdruck voller Mitleid und Besorgnis gestellt, als könnte ein solches Leben nur zweitrangig sein.
Über  psychische  Probleme  spricht  man  in  der  Öffentlichkeit  und  innerhalb  der  Familie  natürlich  nicht.  Betroffene  versuchen,  ihre  "Schwäche"  zu  verbergen,  aus  Angst,  als  Versager  oder  Spinner  abgestempelt  zu  werden.
Viele  Menschen  glauben,  dass  psychische  Erkrankungen  durch  Charakterschwäche,  Faulheit  oder  Besessenheit  verursacht  werden.  Sie  erkennen  die  Symptome  psychischer  Erkrankungen  nicht  und  reagieren  mit  Unverständnis  oder  Ablehnung.

Vertrauensmangel und die Sehnsucht nach Sicherheit

Homo homini lupus

Die Ukrainer sind geradezu besessen davon, sich abzuschotten – aus Gründen der Privatsphäre und Sicherheit.

Zahlreiche Hausbesitzer umschließen ihre Grundstücke mit hohen Ziegel- oder Betonmauern, um Eindringlinge und unerwünschte Blicke abzuwehren. Manche dieser massiven Betonmauern wirken wie die undurchdringlichen Wälle einer geheimen Militäranlage, komplett mit Überwachungskameras. Doch dahinter verbirgt sich lediglich ein Einfamilienhaus der Mittelschicht.

Nach über 70 Jahren Sozialismus ohne Privateigentum wollen die Menschen endlich ihr eigenes Grundstück genießen und sich dort sicher fühlen. Daher bauen sie so massive Zäune.

Die Bewohner von Wohnungen im Erdgeschoss bringen dicke Gitter an ihren Fenstern an, um Einbrecher abzuschrecken.

Und dann sind da noch die doppelten Eingangstüren: Die erste Tür ist in der Regel eine massive Metalltür mit mehreren schweren Schlössern. Dahinter befindet sich die zweite (nicht ganz so stabil wie die erste) mit zwei weiteren Schlössern. Insgesamt 4-5 verschiedene Schlüssel für die Wohnungstüren zu haben, ist also völlig normal.

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Alexander Auzan hat eine neue, ungewöhnliche Methode zur Messung von Sozialkapital erfunden: Er misst die Höhe der Zäune. Es stellt sich heraus, dass die Größe der Zäune umgekehrt proportional zum Grad des Vertrauens der Menschen zueinander ist: Je geringer das Vertrauen, desto höher die Zäune.

Die Menschen erwarten nichts Gutes von ihren Landsleuten. Der erste Instinkt ist, auf der Hut zu sein und von Fremden feindselige Absichten zu erwarten. Man nennt das "nicht naiv sein".

Wenn man über Finanzinvestitionen spricht, werden viele Menschen misstrauisch, denn sie erinnern sich an die lange Geschichte der Finanzpyramiden, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auftauchten und sich als solide Finanzinvestitionen anpriesen, die viele Durchschnittsbürger kritiklos akzeptierten, da Finanzwissen in der Sowjetunion nicht nötig war.

Wenn Menschen einander nicht vertrauen, sind sie weniger bereit, in Unternehmen, Projekte oder sogar ineinander zu investieren. Dies kann zu einem Rückgang der Investitionen und damit zu einem langsameren Wirtschaftswachstum führen.

Misstrauen führt zu höheren Transaktionskosten. Menschen und Unternehmen müssen mehr Zeit und Geld aufwenden, um Verträge auszuhandeln, Vereinbarungen zu überwachen und Streitigkeiten beizulegen. Dies hemmt im erheblichen Maße die wirtschaftliche Aktivität.

Innovation erfordert Zusammenarbeit und Risikobereitschaft. In einer Gesellschaft, die von Misstrauen geprägt ist, sind nur wenige Menschen bereit, zusammenzuarbeiten oder Risiken einzugehen. Die Folge: weniger Innovation und ein Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit.

Wenn Menschen den Institutionen und ihren Mitbürgern als nicht vertrauenswürdig ansehen, greifen Korruption und Vetternwirtschaft um sich. Ressourcen werden nicht mehr effizient verteilt, was sich negativ auf die Wirtschaft des Landes auswirkt.

Diplom-Fetisch

Einen Mark Zuckerberg, der sein Studium in der Ukraine abgebrochen hätte? Den hätte man eingezogen, ihm jeden Gedanken an Facebook ausgetrieben und ihn mit selbstloser Heimatsliebe und glühendem Hass auf den Feind gefüttert. So wäre aus ihm ein richtiger Soldat geworden, der als echter Mann und Patriot im Krieg fällt – damit sich seine ungeborenen Kinder in Frieden und Freiheit auch für ihr Land opfern können.

Wenn man doch nicht den Weg des ukrainischen Mark Zuckerbergs gehen möchte, muss man an einer Uni einschreiben lassen und als Student Befreiung vom Militärdienst bekommen, wie in guten alten Zeiten der Sowjetunion. Diese Weisheit habe ich noch von meinem Vater gelernt, der möglichst lange an der Uni blieb, weil Afghanistan nicht gerade sein beliebteste Reiseziel war.

Es ist viel wichtiger, wie etwas anderen erscheint, als wie es tatsächlich ist. Aus diesem Grund ist auch das Unistudium sehr beliebt. Der Besitz eines Bachelor-Abschlusses wird viel höher bewertet als die tatsächliche Kompetenz, denn der Abschluss ist etwas Konkretes, Nachweisbares, während Kompetenz schwer zu messen ist.

Ich studierte Philosophie: Ein Studiengang, der seine Absolventen dazu befähigt, stundenlang über den Sinn des Lebens zu philosophieren, während der Kühlschrank leer ist...  Die  lange  Suche  nach  der  Wahrheit  führt  sie  dann  über  kurz  oder  lang  zu  der  Erkenntnis,  dass  das  physische  Überleben  die  wahre  Bestimmung  des  Menschen  auf  Erden  ist.  Und  so  nehmen  sie  schließlich  doch  einen  Job  bei  McDonald's  an. Das Einzige, wovon ein solches "Diplom" zeugen könnte, ist von meiner eigenen Dummheit, dachte ich mir.

Als mir dies einleuchtete, wollte ich mir die lange Suche und Mühe ersparen.

"Es ist aber ein Diplom!  Aber natürlich!  Ein  Diplom!  Ohne  dieses  magische  Stück  Papier  ist  man  ja  praktisch  vogelfrei!"

Wie wäre es mit der echten Kompetenz?

Es ist aber ein Diplom!  Was willst du ohne höhere Bildung im Leben machen? 

Wie wäre es mit der echten Kompetenz? 

So wie ich und meine Kommilitonen bisher studiert haben, könnte von der Erlangung jeglicher arbeitsmarktrelevanter (oder anders gearteter) Kompetenz keine Rede sein. Anscheinend war das Diplom auch dann ein Trumpf, wenn jegliche Kompetenz fehlte. Man könnte sogar meinen, es wäre ein Ersatz dafür. Man könnte später durch einen guten Bekannten erfahren, dass irgendwo bei irgendeiner obskuren staatlichen Institution eine Stelle  ausgeschrieben wird. Voraussetzung für die Einstellung: Ein Diplom. Eine reine Formsache, die Vergütung allerdings auch.

In der Ukraine, wie in den anderen GUS-Staaten auch, genießt jegliche akademische Grad ein hohes Ansehen. Häufig wird ihm  sogar  ein  höherer  Stellenwert  beigemessen  als  dem  Wissen,  Können  und  der  Erfahrung.  In  der  Sowjetunion  war  ein  Hochschulabschluss  der  Schlüssel  zu  sozialem  Aufstieg  und  einer  sicheren  Karriere.  Diese  Denkweise  hat  sich  in  vielen  Teilen  der  GUS  erhalten.

"Ohne Diplom kannst du nichts werden" - das ist die  fragwürdige  Denkweise,  die  in  den  Weiten  der  GUS  blüht  und  gedeiht.  In  der  sowjetischen  Planwirtschaft  zählte  vor  allem  der  formale  Abschluss.  Individuelle  Fähigkeiten  und  Initiative  waren  weniger  wichtig,  da  Arbeitsplätze  zentral  vergeben  wurden.

Diese  Mentalität  führt  natürlich  zu  einer  blühenden  Korruption  im  Bildungssystem.  Wozu  sich  anstrengen  und  lernen,  wenn  man  den  Abschluss  auch  einfach  kaufen  kann?  Kompetenz  ist  sowieso  überbewertet.

Wertevakuum

Nach dem Zerfall der Sowjetunion haben die typischen Tugenden des Sowjetmenschen an Bedeutung verloren, obwohl sie in den Köpfen der Menschen  teilweise  weiterleben.  Dieses Wertevakuum war  fruchtbarer  Boden  für  Einflüsse  aus  dem  Westen,  die  vor  allem  durch  die  Medien  in  die  postsowjetische  Gesellschaft  eindrangen:  Kapitalismus,  Individualismus,  freie  Meinungsäußerung.  Hätte  man  diese  Werte  als  Grundlage  für  die  Gesellschaft  genommen,  hätte  man  beneidenswerte  Ergebnisse  erzielen  können.

Doch die Realität sah anders aus. Es  herrschte  bereits  eine  gewisse  nationale  Mentalität,  die  den  westlichen  Werten  eine  neue  Leseart  gab:  Kapitalismus  wurde  zu  Staatskapitalismus  mit  Nepotismus.  Vom  Individualismus  war  schnell  keine  Rede  mehr,  als  2004  während  der  Orangen  Revolution  die  Massen  "Zusammen  sind  wir  viele!  Wir  lassen  uns  nicht  besiegen!"  skandierten.  Da  war  für  Individualisten  kein  Platz  mehr.

Tragik der Allmende 

Der bekannte ukrainische Spruch "Mein Haus ist am Rande, mehr will ich nicht wissen" – zeigt sich auch in der verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber dem öffentlichen Raum. Solange die eigene Wohnung in Ordnung ist, kümmert es viele nicht, wie es im Treppenhaus oder auf der Straße aussieht. Eine  interessante  Beobachtung  könnte  man  in  den  großstädtischen  Wohnsiedlungen  machen.  Die  Fassaden  der  Wohnhäuser  sind  mit  Rissen  und  Flecken  übersät,  die  Fenster  sind  oftmals  undicht,  und  in  den  Treppenhäusern  blättern  Putz  und  Farbe  von  den  Wänden.  Doch  tritt  man  eine  Wohnungstür,  findet  man  sich  oft  in  einer  anderen  Welt  wieder:  Hier  herrschen  Sauberkeit  und  Ordnung,  die  Möbel  sind  gepflegt,  und  an  den  Wänden  hängen  Bilder  und  Fotos.  Es  klafft  eine  gähnende  Kluft  zwischen  dem  Öffentlichen  und  dem  Privaten.  Während  die  öffentlichen  Spielplätze  verfallen,  werden  die  privaten  Balkone  mit  Blumenkästen  geschmückt.  Während  im  Treppenhaus  der  Putz  bröckelt,  werden  die  Wohnungen  mit  teuren  Tapeten  renoviert.

Diese  Kluft  zwischen  öffentlich  und  privat  hat  vielfältige  Ursachen.  Zum  einen  liegt  es  an  der  langen  Tradition  des  kollektiven  Eigentums  in  der  Sowjetunion,  die  dazu  führte,  dass  sich  niemand  wirklich  für  das  öffentliche  Eigentum  verantwortlich  fühlte.  Zum  anderen  spielt  die  wirtschaftliche  Unsicherheit  eine  Rolle:  Viele  Menschen  konzentrieren  sich  darauf,  ihr  eigenes  Nest  zu  sichern,  weil  sie  nicht  wissen,  was  die  Zukunft  bringt.  Diese  Vernachlässigung  des  öffentlichen  Raums  trägt  zu  einer  allgemeinen  Verrohung  der  Gesellschaft  bei.  Es  fehlt  an  Gemeinschaftssinn  und  sozialer  Verantwortung.

Übergriffiger Staat 

Die Ukraine hat dir alles gegeben", hörte man mitunter die ernste Stimme einer Person im Staatsdienst sagen. Meistens war es ein Lehrer, ein Dozent oder ein Beamte. Gedanklich antwortete ich auf solche Äußerungen, dass ich die Gaben nicht angefragt habe und deren Entgegennahme gern verweigert hätte, hätte ich eine Wahl gehabt.

Man sagte mir, ich schulde dem Staat meine Existenz und müsse diese Schuld begleichen. So einfach rechtfertigte man den Anspruch auf das Leben eines Menschen – im Namen des Staates.
Als Mann muss man die Staatsgrenzen verteidigen, als Frau neue Bürger zur Welt bringen, um die Staatsbevölkerung zu erhalten oder zu vergrößern. Ein Widerhall der stalinistischen Ideologie, die genauso Menschen als Mittel zum Zweck sah. Stalin lässt grüßen! Nur dass jetzt nicht mehr die kommunistische Ideologie, sondern die ukrainische Nation verherrlicht wird.

Die Ukraine hat versucht, mir mit aller Macht ihre halbgegorene, staatsverherrlichende Ideologie einzuimpfen, um in mir den Nationalstolz eines echten Ukrainers zu wecken. Doch diese Indoktrination stieß bei mir auf Ablehnung.  Den  anderen  hat  der  Kost  augenscheinlich  gut  geschmeckt,  und  sie  lechzten  seitdem  nach  mehr.

“Es wird schon gut gehen”-Menalität bzw. Fatalismus 

Man lebt in den Tag hinein, genießt das Leben, so gut es geht, und hofft, dass alles gut wird. Was bringt es, langfristig zu planen, wenn morgen alles anders sein kann? In der Ukraine ist Fatalismus ein weit verbreitetes Phänomen. Das ist durchaus verständlich in einer Gesellschaft, in der lange Zeit das Leben des Individuums nicht von ihm selbst, sondern von äußeren Kräften bestimmt wurde, wie etwa dem Staat.

"Ach, was soll schon passieren?", denkt sich mancher und verzichtet auf Vorsorgeuntersuchungen und die Möglichkeit frühzeitiger Behandlungen. Man hofft, dass die Krankheit von selbst verschwindet, und spart sich die Kosten und den Aufwand eines Arztbesuchs in einer Privatklinik. Denn der Besuch einer staatlichen medizinischen Einrichtung wäre sowieso Zeitverschwendung.

Der Glaubenssatz "Wird schon irgendwie gehen" hält Menschen davon ab, für unvorhergesehene Ereignisse vorzusorgen. Man lebt in den Tag hinein und vertraut darauf, dass im Notfall Familie, Freunde oder der liebe Gott im Himmel (für diejenigen, die noch an ihn glauben) einem unter die Arme greifen.

Das wenige Geld aus dem Gehaltscheck, das schnell an Wert verliert, wird lieber für kurzfristigen Genuss ausgegeben, anstatt Altersvorsorge zu betreiben. Die Vorstellung, dass man im Alter durch Rücklagen und Investitionen wohlhabend werden kann,  erscheint  vielen  unrealistisch.  Denn  wer  verdient  schon  so  viel,  um  Rücklagen  zu  bilden?  Was  passiert,  wenn  man  alt,  gebrechlich  und  arbeitsunfähig  wird?  Wird  sich  schon  finden.  Vielleicht  helfen  die  Kinder.  Vielleicht...

Sicherheitsstandards? Ach was! "Wird schon passen" – diese laxe Einstellung zur Sicherheit zeigt sich im Straßenverkehr (riskantes Fahrverhalten, Ignorieren von Verkehrsregeln), am Arbeitsplatz (mangelnde Sicherheitsvorkehrungen) und im Privatleben (unzureichende Sicherung von Haus und Hof). Wenn es zu Unfällen und Verletzungen kommt, dann hat man einfach Pech gehabt. Wer konnte das schon wissen?

Im Großen und Ganzen führt die "Es wird schon gut gehen"-Mentalität dazu, dass Menschen unverantwortlich und leichtsinnig handeln. Sie nehmen unnötige Risiken in Kauf, vernachlässigen ihre Gesundheit und ihre finanziellen Angelegenheiten und agieren aufs Geratewohl

Wahrnehmung von Drogenbhänigkeit und Drogen

Es ist schlimm genug, drogenabhängig zu sein. Wenn dich aber dieses Schicksal in der Ukraine ereilt, ist es noch um viele Größenordnungen schlimmer. Drogenabhängige werden von der breiten Bevölkerung als Kriminelle, Versager oder moralisch Verkommene angesehen – von der Politik und der breiten Bevölkerung. Man begegnet ihnen mit Verachtung, Angst und Ablehnung.  Viele  Menschen  denken,  dass  Drogenabhängige  selbst  schuld  an  ihrem  Schicksal  sind  und  keine  Hilfe  verdienen  haben.

Lösungsansatz: Man soll sie verrecken lassen.

Die weit verbreitete Meinung ist, dass Drogenabhängige selbst an ihrer Sucht Schuld tragen, nicht zuletzt aufgrund ihrer Charakterschwäche und Willenlosigkeit. "Hätten sie doch einfach die Finger von den Drogen gelassen! Ich nehme doch keine Drogen.” Es  herrscht  die  Angst,  dass  Drogenabhängige  zu  Kriminalität  neigen  und  vor  nichts  zurückschrecken  würden,  um  die  nächste  Dosis  zu  finanzieren.  Anstatt  Hilfe  und  Unterstützung  anzubieten,  fordert  man  oft,  dass  Drogenabhängige  eingesperrt  gehören.  Viele  Menschen  glauben,  dass  Drogenabhängigkeit  eine  unheilbare  Krankheit  ist  und  dass  es  sinnlos,  ja  sogar  eine  Verschwendung  von  Steuergeldern  wäre,  ihnen  zu  helfen.

Nicht  nur  harte  Drogen,  sondern  auch  Cannabis  und  Zauberpilze  werden  in  der  ukrainischen  Gesellschaft  oft  mit  Misstrauen  und  Angst  betrachtet.  Man  hält  sie  für  gefährliche  Substanzen,  die  über kurz oder lang in  die  Sucht  führen.  Viele  Menschen  verbinden  Cannabis  und  Zauberpilze  mit  Kriminalität,  moralischem  Verfall  und  psychischen  Störungen,  die  bleibende  Schäden  verursachen  können.  Sie  sehen  diese  Substanzen  als  Einstiegsdrogen  und  glauben,  dass  ihr  Konsum  unweigerlich  zu  härteren  Drogen  und  Sucht  führt.

Auswanderung

Wenn  in  der  Ukraine  das  Thema  "Auswanderung"  aufkommt,  werden  oft  tief  sitzende  Minderwertigkeitskomplexe  sichtbar.

Als  Kind  und  Heranwachsender  bekam  ich  oft  folgende  Sprüche  zu  hören:

Unsere Landsleute haben im Ausland einen schlechten Ruf und werden automatisch benachteiligt.
Wer im Westen nicht zur Mehrheitsbevölkerung gehört, hat verloren. Sie werden dich nicht aufnehmen und immer als Fremden betrachten.

Man  überträgt  die  eigenen  Ängste  und  Unsicherheiten  auf  das  "Fremde"  und  konstruiert  ein  Bild  des  Auslands  als  feindseliger  und  diskriminierender  Ort.

"Niemand  braucht  dich  dort!"  Dieser  Spruch  und  die  unausgesprochene  Annahme,  dass  die  menschliche  Existenz  durch  ihren  Nutzen  für  andere  gerechtfertigt  ist,  spiegeln  ein  kollektivistisches  Denken  wider,  das  den  Einzelnen  dem  Kollektiv  unterordnet.  Individuelle  Bedürfnisse  und  Wünsche  werden  abgewertet,  und  der  Wert  eines  Menschen  wird  an  seinem  Beitrag  zur  Gemeinschaft  gemessen.

Ich  brauchte  keine  finanzielle  Unterstützung,  keine  Befürwortung,  keine  Sympathie,  nur  die  Möglichkeit,  mein  Leben  nach  meinen  Vorstellungen  zu  gestalten  und  unabhängig  zu  sein.  Es  war,  als  wäre  die  menschliche  Existenz  erst  durch  ihren  Nutzen  für  andere  gerechtfertigt.

Oft  konnte  ich  aus  der  Stimmlage  meines  Gegenübers  die  Ungläubigkeit  heraushören,  dass  man  eine  Fremdsprache  "perfekt"  erlernen  und  sich  völlig  an  die  ausländischen  Denk-  und  Lebensweisen  anpassen  kann.  "Sie  sind  doch  ganz  anders  als  wir,  diese  Amerikaner/Deutsche/Franzosen."  Nach  dem  wiederholten  Hören  derselben  Floskeln  war  ich  verwirrt  und  entgeistert.  "Ich  bin  nicht  'wir'!",  wollte  ich  in  diesem  Augenblick  laut  losschreien.  "Ich  bin  ich,  ganz  allein,  ganz  unabhängig,  ganz  individuell!"

Was  konnte  ich  diesen  Vorurteilen  entgegensetzen?  Filme  und  Bücher  halfen  mir,  die  Welt  aus  einer  anderen  Perspektive  zu  sehen.  Ich  setzte  mich  intensiv  mit  der  westlichen  Kultur  und  Weltanschauung  auseinander  und  war  spätestens  mit  16  Jahren  gegen  alle  Einwände  gewappnet,  denn  ich  hatte  meine  eigene  Meinung  gebildet. Ich dachte an Ayn  Rand, die erst  mit  20  anfing,  Englisch  zu  lernen.  Als  sie  nach  New  York  kam,  konnte  sie  nicht  einmal  nach  dem  Weg  fragen.  Das  hinderte  sie  jedoch  nicht  daran,  einige  Zeit  später  meisterhafte  Prosa  auf  Englisch  zu  schreiben  und  zu  einer  der  bekanntesten  amerikanischen  Schriftstellerinnen  zu  werden.

Sprachpolitik 

Ukrainisch ist doch die Staatssprache", verkündete man oft wie eine Selbstverständlichkeit auf Russisch, ohne Widerspruch. Der Begriff "Staatssprache" ist in der Ukraine ein Axiom. Man kann ihn als Argument in jeder Diskussion über die Sprachpolitik einbringen und den Gegner mundtot machen. Denn Kritik an der Staatssprache gleicht Staatsfeindlichkeit, ja sogar Staatsverrat.

"Das ist nicht in Ordnung, wenn du in der Ukraine lebst und kein Ukrainisch kannst", hörte man ab und zu jemanden entrüstet sagen. Die Tatsache, dass jemand Staatsbürger war, aber die Landessprache nicht beherrschte, löste bei manchen Menschen kognitive Dissonanz aus. Das gehörte sich einfach nicht! Eine Ungeheuerlichkeit ohnegleichen!

Erst in der Grundschule wurde mir bewusst, dass Ukrainisch eine eigene Sprache ist. Es war die Sprache aus dem Lehrbuch, mit den überdeutlich artikulierten Lauten, die unsere Ukrainischlehrerin im Unterricht sprach. In den Pausen sprach sie dann wieder Russisch, wie alle anderen auch.

Wer in der Ukraine leben will, muss Ukrainisch lernen. Andersdenkende wurden mit den Worten "Koffer, Bahnhof, Russland" zum Verlassen des Landes aufgefordert. Dass manche Menschen mehr Besitztümer hatten, als in einen Koffer passten, war ihr Problem.

Die 2014 an die Macht gekommenen Politiker versicherten zwar, dass jeder in der Ukraine bleiben könne, solange er sich an die Regeln halte. Doch sie behielten sich vor, die Regeln jederzeit zu ändern. Es müssen für alle die gleichen Regeln gelten, hieß es. Schließlich seien wir ein vereinigtes Volk.

Manche Menschen im Osten und Süden des Landes entschieden sich, die Ukraine zu verlassen. Eigentlich hätte man sich im Guten trennen können, wäre da nicht die Frage der Immobilien gewesen. Da die Abtrünnigen ihre Immobilien nicht mitnehmen konnten, nahmen sie eben das Land, auf dem ihre Häuser standen, gleich mit. Diese radikale Entscheidung sorgte natürlich für Empörung.

Besonders geistreich war das Argument: "In Frankreich spricht doch auch jeder Französisch!" – ein beliebter Einwand in Diskussionen über die Sprachpolitik.

Die Mehrheit der Bevölkerung lehnte die Einführung des Russischen als zweite Sprache ab. Das würde das Ukrainische gefährden, hieß es. Außerdem sei es moralisch richtig, Ukrainisch zu sprechen, schließlich heiße das Land Ukraine. Wenn Russisch zur zweiten Sprache würde, würden alle nur noch Russisch sprechen. Was passiert dann mit dem Ukrainischen? Der Staat müsse das Überleben des Ukrainischen sichern, hieß es. Dass man dazu die Menschen zwingen müsste, Ukrainisch zu sprechen, wurde gerne verschwiegen.

Dabei vergisst man gerne, dass es in Frankreich keine Millionenstädte gibt, in denen Englisch oder Deutsch gesprochen wird.

Geschichtsklitterung 

Geschichtsklitterung wird in der Ukraine nicht nur von staatlicher Seite betrieben, sondern ist auch in der Gesellschaft weit verbreitet. Viele Menschen suchen nach einer positiven nationalen Identität und greifen dabei auf vereinfachte oder verzerrte Geschichtsbilder zurück.Die Geschichte der Ukraine wird oft verklärt und als ein kontinuierlicher Kampf für Unabhängigkeit und Freiheit dargestellt. die Beteiligung von Ukrainern am Holocaust oder die Unterdrückung von Minderheiten, ausgeblendet oder relativiert. So wird die Rolle ukrainischer Milizen bei den Massakern an Juden während des Zweiten Weltkriegs oft verharmlost oder gar geleugnet. Diese selektive Erinnerungskultur verhindert eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und erschwert die Aufarbeitung von Schuld. Sie trägt zu einer Spaltung der Gesellschaft entlang ethnischer und sprachlicher Linien bei und behindert die Aussöhnung mit den Nachbarn. 

Schluss

Man ist an seine Kultur, Religion, Muttersprache oder Land nicht gefesselt.  Es steht jedem frei, sich neu zu erfinden und Teil einer Gemeinschaft zu werden, die besser zu seinen Wertvorstellungen als das jeweilige Herkunftsland passt, sprich, sich selbst zu assimilieren. 

Ich habe mich immer nach Freiheit und Selbstbestimmung gesehnt, nach einem Ort, an dem ich meine eigenen Werte leben kann. Diesen Ort habe ich in Deutschland gefunden.

Ich würde mein Leben in der Ukraine gern in eine Schublade von schlimmen Albträumen verbannen, den Schweiß vom Gesicht wischen und keinen Gedanken mehr daran verschwenden. Allerdings bin ich immer noch Bürger dieses Landes, und der Albtraum will einfach nicht enden: Ich fühle mich manchmal wie ein Leibeigener, der vor seinem Herrn flieht und sich nach Freiheit sehnt. Gewissensbisse habe ich dabei nicht, denn Leibeigenschaft sollte weltweit abgeschafft sein, auch da, wo sie als Wehrpflicht verkauft wird.


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